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Radiotatort (46) Abschaum

Kriminalhörspiel - ein Hörspiel von Friedemann Schulz, hr 2011


⏰ 55 Min.

🎬 Regie: Harald Krewer

🎼 Musik: Christian Mevs

🎤 Mit: Sebastian Blomberg, Barbara Philipp, Hartmut Volle, Sascha Nathan, Ingo Hülsmann, Daniel Drewes, Michael Goldberg, Ricarda Klingelhöfer, Kenzo Uhlig, Martin Rentzsch, Jakob Assheuer, Thomas Huber, Michael Lucke, Ellen Schulz, Benedikt Greiner, Nils Kreutinger, Jonas Schlagowsky

Hauptkommissar Nebe ist zwangsversetzt worden, von Mainhattan in die tiefste Provinz, Rotenburg an der Fulda. Man wirft ihm vor, einen Gangster gefoltert zu haben. Ein anderer Vorwurf, den er sich selbst macht und der wie ein Schatten auf der Geschichte liegt, betrifft den Tod einer Frau, die er geliebt hat. So empfindet er Rotenburg zugleich als Ort der Verbannung wie der Sühne. Und die Kollegen in dem kleinen Kommissariat nimmt er als Feinde wahr, vor denen man sich in Acht nehmen muss. Kaum ist Nebe in dem ansonsten beschaulichen Ort eingetroffen, stößt er auf einen grausigen Doppelmord, es scheint, als habe er das große Verbrechen nach Rotenburg an der Fulda mitgebracht. Ein Geschwisterpaar, das man im Ort als "Abschaum" bezeichnet und das offenbar in geschwisterlicher Liebe zwei Söhne miteinander hat, ist auf bestialische Weise erschlagen worden. Die halbwüchsigen Söhne, deren Adoption schon länger anstand (die ermordeten Eltern hatten sich immer mit der Begründung "Blut ist dicker als Tinte" dagegen gewehrt), leben nun in besseren, wenn nicht besten Verhältnissen. Doch sie machen auf Nebe einen merkwürdigen Eindruck. Die Pflegeeltern rücken in den Mittelpunkt: Pädophilie steht im Raum.

Friedemann Schulz, geboren 1945, lebt als freier Autor und Regisseur in Neuwied.

hoerspielTIPPs.net:
«Nachdem die ersten beiden Radiotatorte des hr eher durchwachsen, der dritte endlich qualitativ etwas zulegen konnte, haben die Hessen das Konzept für die vierte Ausgabe nochmal neu gestrickt. Das Duo Falk und Co. spielt nun keine Rolle mehr, auch Wiesbaden ist Geschichte. Man wandert nach Rothenburg/Fulda und nimmt sich dort des aus Frankfurt wegen Foltervorwürfen strafversetzten Hauptkommissars Nebe an. Allein dieses zur Randnotiz aufgeschwungene Detail kratzt schon ein wenig an der Glaubwürdigkeit des Ganzen - mit einer solchen Vita wäre die Wahrnehmung - auch und gerade in der Provinz - sicherlich eine ganz andere und würde den Rahmen und die Geschichte deutlicher prägen. Dieses Randdetail sollte man aber nicht überbewerten, schließlich liegt der Fokus ja woanders.

Das Verbrechen, dass es aufzuklären gilt, fällt durch einen vergammelten Fisch im Briefkasten auf: Ein Mord an einem inszestösen Ehepaar. Deren fast erwachsenen Kinder, die in Pflegefamilien leben, wurden in der Nähe des Tatorts in einem zwielichtigen Etablissement gesehen. Dessen Eigentümer wurden ebenfalls mit einem Fisch im Briefkasten bedacht. Kommissar Nebe, der sein Hotel mit einer Seminargruppe teilt, macht sich an die Ermittlungen.

Friedemann Schulz, der diesmal für das Skript verantwortlich ist, erzählt den Krimi ausschließlich aus Sicht der Hauptfigur. Die auftretenden Nebencharaktere lockern die Gedankenmonologe auf, richtiges Dialogspiel findet nicht statt. Das ist ein ungewöhnlicher Stil für einen Radiotatort. Es passt gut zu Hörspielen, in denen der Fokus der Geschichte auch wirklich auf der Person selbst liegt - im Umkehrschluss: Hier ist es deplatziert.

Die Möglichkeiten, die dies bietet, nämlich die innere Bewegung deutlich zu machen, wird hier kaum genutzt. Dafür haben das eigentliche Leben des Kommissars und der Fall selbst zu wenig miteinander zu tun. Interessant wäre es hier eventuell gewesen, wenn man die Geschichte, die zur Strafversetzung geführt hat, aufgegriffen hätte.

Ein weiteres Manko ist aber auch der Fall selbst. Man baut hier Großes auf: Inzest, Kindesmißbrauch, rechtsgerichtetete Eliten plus die komplette Neugestaltung des Rahmens. Die Themen kann man nur anreißen, ausgeschöpft wird deren Potential nie. Dazu kommt, dass die Lösung recht schnell für den Hörer erkennbar ist. Die Diskrepanz der Themen zueinander ist einfach zu groß, als das nicht offensichtlich wäre, wer hier für das Verbrechen verantwortlich ist.

Zudem ergeben sich, dadurch, dass man die schwierigen Themen in einen einfachen Fall packt, viele kleine und auch größere Unglaubwürdigkeiten - Ob es die merkwürdigen Pflegschaftsverhältnisse sind, die - um weitere Motivlagen zu ermöglichen - vollkommen haarsträubend etabliert sind, oder die Personen, die mit extrem öffentlich interessanten Themen belastet sind, aber in offensichtlich vollkommener Abgeschiedenheit leben können.

Immerhin, bei der Inszenierung gibt es keinen Grund zur Beanstandung. Die Besetzung ist gut, wird aber durch das Format allerdings nicht mal ansatzweise ausgereizt. Einzig Sebastian Blomberg hat eine Rolle, die groß genug ist, sein Können zu zeigen. Die Umsetzung ist insgesamt stimmig, aber leider den Zwängen des Skriptes unterworfen. Gerade im Krimifach lassen sich formale und inhaltliche Schwächen des Spielbuchs kaum wettmachen.

Leider geht der Neustart des hr-Tatorts damit ziemlich daneben. Hatte man bislang immerhin zumindest durchschnittliche Krimis produziert, fällt "Abschaum" dagegen ziemlich ab. Ich würde diese Episode sogar zu den schwächsten der gesamten Reihe zählen. Daran mag auch die adäquate Inszenierung und die gute Besetzung nicht viel ändern, sie sorgt aber immerhin dafür, dass die Wertung nicht noch negativer ausfällt.

Gerne mehr von Nebe, dem Ensemble und dem Stab, aber bitte mit formal und inhaltlich besseren Geschichten. »

📚 andere Folgen von Radiotatort

Ursendung: 12.10.2011

Als Download / Im Handel verfügbar seit / ab: 15.11.2017

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